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Meet the Rebels - Teil 3

Meet the Rebels

In der Reihe "Meet the Rebels" wollen wir der unpersönlichen Diskussion der (sozialen) Medien eine persönliche Note entgegen setzen. Abseits von politischen Grabenkämpfen und Frontbildung (denn das klingt alles so schlimm nach Krieg) wollen wir euch das wichtigste an der Rebellion vorstellen, den/die einzelne(n) RebellIn.
Extinction Rebellion ist dezentral und offen für Alle, die sich mit unseren Prinzipien identifizieren können. Doch vor Allem ist die Rebellion divers in ihren Emotionen, Gedanken und Eindrücken, und das ist eine wunderbare Sache. In mehreren Episoden möchten wir deshalb unsere persönlichen Gedanken mit euch teilen.
Vielleicht wird dadurch euer Durst nach Positionierung nicht gestillt, aber hey, wir sind alle nur Menschen, im Zweifelsfall, fragt einfach nach.

Episode 3 - Liou

Ich liebe Heldengeschichten. Aber Helden haben auch Fehler. Sind es dann noch Helden?
Na gut, dann gibt es vielleicht doch keine Helden. Aber, was ist mit dem Dalai Lama?
Hat der Dalai Lama Fehler? Könnte er vielleicht mein Held sein?
Wer was Schlechtes über den Dalai Lama gehört hat, der darf sich bei mir melden.
Oder besser doch nicht? Will ich das wissen? Brauche ich Helden?

Ich bin ein ostdeutsches Wendekind. Mit 15 Jahren erlebte ich die größte Desillusionierung meines Lebens. Alle wilden Hoffnungen auf eine neue, starke und freie DDR (oder wie dieses Land, dieser Teil von Deutschland, dann auch immer geheißen hätte) wurden mit dem Volksentscheid zur Wiedervereinigung begraben und schlummern seitdem in einem tiefen modrigen Grab.
Der Fall so tief.
Mit dieser Erfahrung wurde ich erwachsen.
Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends.“ Da schreibt sie, obwohl sie mich gar nicht kennt über meine Zerissenheit - dieses Leiden an der Welt. Verzweiflung - ungewiss, ob ich leben kann in dieser Welt.

Doch dann Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“. Kein Buch hat mich so dermaßen beeinflusst wie dieses. Und für mich stand seit dem Lesen fest: diesen Weg will ich bestreiten. Die Liebe ist nicht teilbar. Liebe ist nur dann Liebe, wenn ich sie als Haltung, allen Menschen entgegenbringe. In Liebe kann es keine Feindbilder geben. Dieser Weg war bisher ein einsamer Weg.
Es gab nur wenige Begleiter und viel zu wenig Rückmeldungen, um mein eigenes Verhalten zu reflektieren. Viel zu wenig Unterstützung, auf diesem Weg bleiben zu können.
So wurde es zu einem Traum, den ich nur träumte, aber nicht lebte.
Ich habe mich merkwürdigerweise nie wirklich vollständig linken politischen Gruppierungen zuordnen können. Obwohl ich doch mit so vielen „linken“ Zielen und Werten übereinstimme und mich das Engagement, der Mut und die Kraft vieler linker Bewegungen für mehr Gerechtigkeit, mehr Diversität ja und auch für mehr Wahrheit, mehr Bildung, mehr Informationen immer beeindruckt hat.
Mir fehlte dabei trotzdem immer irgendwie eine Vision der radikalen Liebe, welche für mich unabdingbar ist, um eine Zukunft aufzubauen, in der ich wirklich leben möchte. Zuviel Wut. Dabei finde ich Wut äußerst hilfreich, um etwas zu bewegen, um etwas zu verändern, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Über Extinction Rebellion wird ja oft gesagt, dass diese Bewegung Angst schüre und Angst kein guter Ratgeber sei.
Das stimmt nur zum Teil. Für mich ist es wie mit der Wut. Auch Angst hat seine Berechtigung und ist ein gutes Hilfsmittel, um zu überleben. Denn mal ganz ehrlich, Angst rettet oft unser Leben. Angst lässt uns Dinge überprüfen auf Gefährlichkeit und Risiken und uns risikoärmere und sichere Wege bestreiten. Angst ist ein Überlebensvorteil. Eignet sich jedoch wie die Wut nicht so gut, um eine für mich lebenwerte Zukunft zu gestalten.
Was mich zu Extinction Rebellion letztendlich gebracht hat, sind die Angst, die Wut und - die Liebe. Nicht alleine zu sein mit einer Vision von Liebe, Gewaltfreiheit, Respekt vor den Menschen, auch denen, die ich am liebsten anprangern und bekämpfen möchte. Respekt vor allen Lebewesen an sich, deren Wert nicht und niemals in Frage gestellt wird. Die Zuversicht, dass wir lernen können und unsere eigene Giftigkeit vermindern können, um ein neues Miteinander aufzubauen. Eines, an dem ich teilhaben möchte.

Und dann macht es BUMM!!! Im ersten Moment kann ich nicht verstehen, was diese Aussagen von Roger Hallam so unsagbar giftig macht.
Mein erster reflexhafter Impuls, den ich schon kurze Zeit später nicht mehr nachvollziehen kann:
„Ja, wir Menschen sind Monster und lassen jeden Tag monströse Taten zu. Seid doch nicht so scheinheilig ihr alle da draußen!“
Und dann sackt es immer weiter, immer tiefer. Ich verstehe ganz langsam, vor allem durch die vielen Diskussionen bei Extinction Rebellion, was da wirklich passiert ist. Das meine Werte, mein Wunsch nach radikaler Liebe hier nicht mehr sichtbar werden.
Dass ich und viele andere Menschen, dass wir unseren Teil zu strukturellem Antisemitismus beitragen. Dass wir viele Gedankenbilder von der Welt in uns tragen, welche Rassismus und Antisemitismus und damit Gewalt bahnen können. Also wieder ein Fall, wieder wird ein neues modriges Grab ausgehoben, wieder habe ich mich täuschen lassen und der wilden Hoffnung Raum gegeben.
Ist diese ganze Bewegung doch auch nur wieder eine Spielwiese, wo der Zweck die Mittel heiligt? Eine Bewegung, die nicht bemerkt, wie sie selbst verstrickt ist in Feindbildern und wo unmoralische Handlungen als einzige Möglichkeit gesehen werden, die Welt zu retten?

Ich lehne die Walddorfpädagogik ab, wo sie sich nicht ganz klar gegen giftiges Gedankengut von Rudolf Steiner bekennt. Also muss ich zwangsläufig Extinction Rebellion ablehnen, wo sich diese Bewegung nicht ganz klar gegen Populismus, gegen in Kauf nehmen von Verletzungen, gegen Respektlosigkeit stellt (die Liste wäre lang). Eine Bewegung, die nicht ausreichend über strukturellen Antisemitismus nachdenkt, ist nicht meine Bewegung.

Ich bin aus diesem modrigen Grab wieder ausgestiegen. Ich erlebe die aktuellen Diskussionen in dieser Bewegung und lerne viel über Rassismus, Antisemitismus, strukturellen Antisemitismus, politische Überheblichkeit, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Klimagerechtigkeit, Solidarität, Sich-Äußern, Zuhören, Achtsamkeit.
Ich erlebe diese Bewegung als eine Ansammlung von Menschen, die noch immer die gleiche Vision teilen wie ich. Eine Bewegung, die nicht als Ganzes eine Meinung hat, sondern viele und die sich zuhören möchte.
Eine Bewegung in der viele Stimmen sagen:
Stopp, das geht nicht!
Und: Stopp! Wir können trotzdem keinen Menschen verurteilen!
Lasst uns innehalten!
Lasst uns reflektieren!
Lasst uns prüfen, was wir brauchen!
Lasst uns prüfen, wer wir sind!
Und da flackert sie wieder auf die Hoffnung: Wir lernen. Ich lerne. Ich lerne gerade so unermesslich viel, wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Und ich bin nicht allein mit meinen wilden Hoffnungen. Ich bin nicht alleine lernwillig und reflexionswillig. Ich sehe keine Eitelkeiten, keinen verletzten Stolz. Ich sehe Betroffenheit, Nachdenklichkeit. Mit all diesen verrückten liebevollen Menschen möchte ich weiter gehen. Ich danke euch!
Denn wie Max so schön gesagt hat: Es gibt kein zurück. Ein zurück wohin denn? Nein, für mich gibt es nur ein: Los, lasst uns reden! Lasst uns Lernen! Lasst es uns tun! Lasst uns unsere Gefühle nicht verstecken, sondern unsere Verletzlichkeiten zum Anlass nehmen, um Fehler zu erkennen und uns weiterzuentwickeln. Gemeinsam, mit allen anderen Menschen da draußen. Jeder auf seine Art!
Denn: ich habe auch durch ehrliche Kritik und Rückmeldungen anderer, wunderbarer, mutiger, linker Bewegungen, die mit Extinction Rebellion ins Gespräch gekommen sind, viel gelernt in den letzten Wochen.
Danke euch dafür!

Ich brauche keine Helden mehr, denn wir sind unsere eigenen Helden. Wir sind die Menschen auf die wir gewartet haben. Du und ich.

Tags: #MeetTheRebels, #XRLeiseStimmen

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