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Kommentar zum OZ-Beitrag „Kein Fleisch mehr in Kitas?“ vom 30.11.2022

Unsachliche Darstellung zu vegetarischer Kitakost in der Ostseezeitung##

Am 30.11.22 befasste sich die OZ mit der Entscheidung der Stadt Freiburg, die Verpflegung von Kitakindern ab 2023 rein vegetarisch zu gestalten. Mit ihrer Darstellung stachelt die OZ die ohnehin festgefahrene Diskussion weiter an, anstatt sich mit den unterschiedlichen Meinungen konstruktiv auseinander zu setzen. Diese Form der öffentlichen Diskussion ist unsachlich und bringt uns keinen Schritt weiter.

Polemischer Kommentar bauscht deskriptiven Artikel zu Aufregerthema auf
Im Hauptartikel holt die Autorin unterschiedliche Stimmen zum Thema aus Rostock bzw. MV ein – und trägt dabei allseits bekannte Einzelaspekte zusammen. Die Waldorfkita – das sind ja eh Exoten – isst vegetarisch. Die Massenbetriebe ILL und DRK wollen auf Fleisch im Mittagessen nicht verzichten, weil die Kund:innen, also Eltern, das nicht abnehmen würden. Und der Stadtelternrat will gesundes und bezahlbares Essen, am besten kostenlos – und bitte keine Bevormundung. Nun gut.

Anstatt nun einen reflektierten, faktenbasierten Kommentar zu verfassen, der darauf abzielt, die Meinungen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen, wird der Artikel von zwei konträren Kommentaren begleitet, die vollkommen künstlich unvereinbare Diskussionspole herausschälen, die im eigentlichen Artikel so nicht zu finden sind. Der erste, verfasst von der Volontärin Julia Kaiser, beleuchtet die Themen Klima und Gesundheit indem er konkrete Fakten von etablierten Quellen ergänzt, so den gigantischen Beitrag des Fleischkonsums zu den EU-weiten Treibhausgasemissionen von 17 %, laut Greenpeace.

Der zweite Kommentar hingegen lässt relevante Fakten gänzlich vermissen. Stattdessen überhöht er die Diskussion mit Begriffen wie „Ideologie“ und „Verantwortungslosigkeit“. Er spitzt das Thema vollkommen unzulässig zu, indem er gar nicht mehr über vegetarisches Mittagessen für Kitakinder spricht, sondern von veganem – was ansonsten im Artikel und auch in Freiburg kein Thema ist. Anhand des veganen Essens – nicht des vegetarischen – erklärt er, dass es zu Nährstoffmangelsituationen kommen könne. Aber zum Glück werden die Freiburger Kinder ja nicht vegan sondern vegetarisch ernährt. Der Autor bewirkt so die Wahrnehmung unter Leser:innen, dass in Freiburg die Gesundheit der Kitakinder einer angeblichen Ideologie des Vegetarismus untergeordnet werde.

Die OZ vermittelt dem/der Leser:in durch die zuspitzenden Kommentare den Eindruck, es ginge in Freiburg und potentiell auch bei uns darum, das Fleischessen ansich zu verbieten. Sie stachelt damit Leser:innen dazu an, sich gegen diese vermeintliche Bevormundung zu wehren. Das hilft niemanden weiter in einer Welt, die sich rasant verändert, denn sie zementiert das, was ist.

Guter Journalismus würde Hintergründe recherchieren und erklären
Hilfreich wäre es in der festgefahrenen Diskussion um das Kitaessen sein, sich einmal außerhalb MVs danach umzuschauen, was hinter der Entscheidung von Freiburg steht. Es gibt nämlich einen übergeordneten Rahmen für die Reduktion des Fleischkonsums. Diesen übergeordneten Rahmen haben sich nicht irgendwelche Ökospinner oder Klimafanatiker ausgedacht. Dieser Rahmen ist eine auf politischer Ebene formulierte Zielsetzung: die 2020 verabschiedete EU-Farm-to-Fork Strategie („Vom Hof auf den Teller“). Sie zielt darauf ab, dass die Erzeugung und der Konsum von Lebensmitteln in Europa so umgebaut werden, dass sie einen geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, dass wir resilienter gegenüber Krisen werden und dass gesundes und bezahlbares Essen auch für zukünftige Generationen verfügbar ist.

Hintergrund dieser Strategie ist die Erkenntnis, dass die Ernährung einen gewaltigen negativen Einfluss auf unsere Lebensgrundlage hat: Wir verlieren in globalem Maßstab Wälder, Artenvielfalt und fruchtbare Böden. Laut einer Studie des WWF aus diesem Jahr gehen 80 % der globalen Entwaldung, 70 % des Artenverlusts an Land und die Hälfte des Verlustes fruchtbarer Böden auf das Konto der Ernährung, wie wir sie heute betreiben. Es ist also gesellschaftlich dringend geboten, die Art wie wir uns heute ernähren zu hinterfragen und zu verändern, wenn unsere Kinder und Enkel auf der ganzen Welt im Jahr 2050 überhaupt satt werden sollen.

In Deutschland hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz unter dem Kabinett Merkel IV ein fundamentales Gutachten zum Thema nachhaltige Ernährung(spolitik) erarbeitet, das eigentlich allen öffentlichen Stellen – vom Gesetzgeber über die Ministerien bis hin zur Bundestagskantine und der einzelnen Kommune - als Orientierung und Aufforderung dienen sollte: Es zeigt auf, wie wir in Deutschland im Sinne der Farm-to-Fork Strategie nachhaltige Ernährungsumgebungen gestalten können. Dazu gehört es, weniger Fleisch zu konsumieren.

Lokale Veränderungsprozesse brauchen konstruktive Begleitung – nicht Polarisierung
Was die OZ also leider nicht erkennt oder nicht beleuchten will: Bei Umstellungen von Kitaessen wie in Freiburg geht es darum, auf lokaler Eben ganz konkret Gesamgesellschaftliche Ziele umzusetzen, schädliche jahrzehntelange Entwicklungen hin zu einem Überkonsum an Fleisch zu korrigieren und diesen auf ein vernünftiges Maß herunterzufahren. Denn Der Überkonsum hat unsere Gesellschaft krank gemacht – Übergewicht, erhöhtes Herzinfarktrisiko, hoher Blutdruck, erhöhter Cholesterinspiegel, Diabetes Typ 2, Darmkrebs … . Und der hohe Fleischkonsum trägt maßgeblich zum Klimawandel bei. Beides gilt inzwischen als belegt, doch Herr Meyer hält dies leider nicht für erwähnenswert.

Wir alle wünschen uns gutes Essen für unsere Kinder – in Schulen, in Kitas und am besten auch zuhause. Und gut bedeutet nach aktuellem Stand der Wissenschaft wie vom Wissenschaftlichen Beirat klar dargestellt: gesund & lecker, klima- und umweltfreundlich, das Tierwohl fördernd und sozial verantwortlich. Die Entscheidung Freiburgs erfüllt diese Anforderungen meiner Ansicht nach.

Aber es ist nicht notwendig und – wenn man sich den lauten Protest anhört - auch nicht sinnvoll, Fleisch komplett aus dem Speiseplan zu streichen. Denn das führt nur zu Widerstand. Für MV wäre es schon ein Fortschritt, die aktuellen Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung flächendeckend in Kitas und Schulen einzuhalten. Diese besagen: Einmal pro Woche Fleisch und einmal Fisch zum Mittagessen – das ist es, was eine gesunde Ernährung von Kindern als Mindestmaß braucht. Und hier noch ein Hinweis an den Stadtelternratsvertreter, der gesundes und bezahlbares Mittagessen einfordert: Es ist allgemeinhin bekannt, dass häufiger Fleischkonsum das Essen sowohl teurer als auch ungesünder macht. Ergo: Wer gesundes und bezahlbares Essen einfordert, wäre mit weniger Fleisch auf dem richtigen Weg. Die Wahlfreiheit des oder der einzelnen, die der Stadtelternratsvertreter wie auch Meyer besingen, ist natürlich wichtig. Aber sie sollte dort untergeordnet werden, wo die individuelle Wahl offenkundig dem Individuum und der Gesellschaft schadet.

Und wenn wir es schaffen, in der Kita und in der Schulkantine - wo man Dinge für’s Leben lernen soll - das anzubieten, was der Gesellschaft und dem Einzelnen (dem Kind) am wenigsten schadet und damit am nachhaltigsten ist, dann haben wir bessere Ernährungsumgebungen geschaffen. Es wäre schön, wenn sich die OZ oder auch andere hiesige Medien im Sinne von konstruktivem Journalismus daran beteiligen würden, in den Köpfen der hier lebenden Menschen Bilder von fairen, nachhaltigen Ernährungsumgebungen auszugestalten anstatt plump Partei gegen Veränderung zu ergreifen und die etablierte Meinung zu Ungunsten einer nachhaltigen, klimafreundlichen Entwicklung zu zementieren.

Stefanie Maack

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