Kempowski-Tage 2026
Lesungen & Gespräche zu dem diesjährigen Thema "Literarische Obsessionen"
Eine Obsession ist bildungssprachlich eine mit Besessenheit verfolgte Leidenschaft oder Fixierung auf ein bestimmtes Thema. Im psychologischen Sinne sind Obsessionen Zwangsvorstellungen, also Gedanken, zwanghafte Ideen oder auch Gefühle, von denen jemand ohne eigenes Zutun immer wieder heimgesucht wird und die oft als beängstigend empfunden werden. Der Ursprung des deutschen Begriffs findet sich im lateinischen obsessio (Blockade). „Literarische“ Obsessionen zu untersuchen kann also sehr spannend sein.
Auf ihm laste ein „verordnetes Lebenswerk“, diesen Satz notiert Walter Kempowski in sein Tagebuch, da gebe es kein „Wenn und Aber.“ Er bezieht sich mit diesen bekenntnishaft anmutenden Worten auf den ungeheuerlichen Anspruch, der sein schriftstellerisches Selbstverständnis seit jeher und grundlegend bestimmt – der Anspruch nämlich, mit dem aus Romanen, Tagebüchern und monumentalen historischen Textcollagen zusammengesetzten Werk die historische Schuld der Deutschen im Nationalsozialismus zu tragen. (Kai Sina)
Eine wissenschaftliche Tagung am Institut für Germanistik wird sich im Juli 2026 mit diesem Themenfeld diskursiv auseinandersetzen. Als professioneller und öffentlicher „Sidekick“ und unter Bezug und Anlehnung an den literarischen Anspruch eines Walter Kempowskis sind Autor*innen eingeladen, die jeweils eine literarische Obsession im kempowskischen Sinne „ausleben“: Archiv, Recherche, Lebensthema.

PROGRAMM
Mi | 15.07.2026 | 19 Uhr
Lesung
Insa Wilke | Maria Schrader
Liegen Sie bequem?
Vom Lesen und von Büchern - Ein Abend für Roger Willemsen
Moderation: Dr. Stephan Lesker
Aula der Universität Rostock
Roger Willemsen und die Bücher – das war eine mitreißende Liebe, übermütig und intensiv. Kaum einer redet heute so lustig, offen und zugleich tiefernst vom Lesen, wie er es tat, ganz gleich, ob er kritisiert oder schwärmt, huldigt oder durchleuchtet. Klug wie kein Zweiter porträtiert Willemsen große Autorinnen und Autoren, erzählt von Märchen und analysiert das Obszöne in einem Essay von hoher Aktualität. Er stellt »10 Regeln für Leserinnen und Leser« auf, gibt mehr als siebzig ganz konkrete Buchempfehlungen und verspottet nach durchlebten Buchmessenächten den Literaturbetrieb. Sprühend von Witz und Geist unterzieht er die Literaturwissenschaft einer Fundamentalkritik und formuliert zum Thema »Literatur und Menschenrechte« das Notwendige.
Do | 16.07.2026 | 19 Uhr
Lesung und Gespräch
Jochen Schmidt
Hoplopoiia
Moderation: Dr. Katrin Möller-Funck
Konzilzimmer der Universität Rostock
Richard Sparka ist der Stadtneurotiker des 21. Jahrhunderts! Mit »Hoplopoiia« zeichnet Jochen Schmidt ein pointiertes Gesellschaftsporträt, das die Überforderung und Vereinzelung des Menschen in unserer rasanten Gegenwart zeigt und dabei immer wieder mit gnadenloser Komik auf seinen glücklosen Helden Sparka blickt.
Während sich alles viel zu schnell verändert, kann Richard Sparka den Ereignissen nur erstaunt und resigniert hinterherblicken. Seine Beziehung mit Klara ist zu Ende, die Kinder werden groß, die Eltern alt. Auch das Leben in der Stadt, in der er geboren wurde und die seit jeher sein Zuhause ist, kommt ihm immer unmöglicher vor. Der Zeitungsstand im Spätkauf seines Vertrauens musste einem Chipsregal weichen – für Richard nicht weniger als eine Katastrophe. Und der hippe neue Eisladen um die Ecke wird sein Viertel verändern, bis die Mieten unbezahlbar sind, davon ist Richard überzeugt. Wie schaffen es andere nur, angesichts dieser drastischen Entwicklungen den Kopf über Wasser zu halten? Richard geht auf Spurensuche in seiner Kindheit in der DDR. Hat seine Lebensunfähigkeit mit dem Aufwachsen in einer Diktatur zu tun? Wäre sein Blick in die Zukunft optimistischer, wenn er damals die Chance ergriffen hätte, Mathematiker zu werden? »Hoplopoiia« ist eine kluge, tiefsinnige und urkomische Weltbetrachtung eines meisterhaften Zweiflers, der die Suche nach dem richtigen Leben noch lange nicht aufgegeben hat.
Fr | 17.07.2026 | 19 Uhr
Lesung und Gespräch
Helene Bukowski
Wer möchte nicht im Leben bleiben
Moderation: Dr. Steffi Brüning
Aula der Universität Rostock
Ein Aufbegehren gegen die Einsamkeit: 1985 nimmt sich eine junge Pianistin in Neubrandenburg das Leben. Jahrzehnte später stößt die Schriftstellerin Helene Bukowski auf ihre Geschichte. Behutsam nähert sie sich Christina, sucht in ihrer Biografie nach Rissen und Erschütterungen, aber auch nach Augenblicken großen Glücks. Sie lernt einen Vater kennen, der in der Tochter seine eigenen Träume verwirklichen will, eine Mutter, die es liebt, zu fotografieren, und ein Klavier, das unverrückbar in der Wohnung steht. Bukowski folgt Christina nach Berlin, an die Spezialschule für Musik, mit ihren kalten Übungsräumen und dem täglichen Drill. Später nach Moskau, zum Studium am Konservatorium, durch sturzbachartigen Regen und Nächte voller Schnee. Und sie findet eine Krankheit, für die es erst heute eine Diagnose gibt.
EINTRITT
Vvk. 8€ zzgl. Gebühr im Pressezentrum/bei mv-ticket.de
Ak. 10€
5€ für WarnowPass-Inhaber:innen, Kulturticket für Studierende, beides via reservierung@literaturhaus-rostock.de
INFOS
Alle aktuellen Informationen finden Sie auf unserer Homepage
UNSERE PARTNER
Ministerium für Wissenschaft, Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten Mecklenburg Vorpommern
Hanse- und Universitätsstadt Rostock
Universität Rostock
Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern
Dokumentations- und Gedenkstätte ehemalige Stasi-Untersuchungshaftanstalt Rostock
Literaturhaus Rostock
andere buchhandlung