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Meet the Rebels - Rebelli, wie geht's euch?

Meet the Rebels

In der Reihe "Meet the Rebels" wollen wir der unpersönlichen Diskussion der (sozialen) Medien eine persönliche Note entgegen setzen. Abseits von politischen Grabenkämpfen und Frontbildung (denn das klingt alles so schlimm nach Krieg) wollen wir euch das wichtigste an der Rebellion vorstellen, den/die einzelne(n) RebellIn.
Extinction Rebellion ist dezentral und offen für Alle, die sich mit unseren Prinzipien identifizieren können. Doch vor Allem ist die Rebellion divers in ihren Emotionen, Gedanken und Eindrücken, und das ist eine wunderbare Sache. In mehreren Episoden möchten wir deshalb unsere Gedanken mit euch teilen.
Vielleicht wird dadurch euer Durst nach Positionierung nicht gestillt, aber hey, wir sind alle nur Menschen, im Zweifelsfall, fragt einfach nach.

Episode 1 - MAX

Ich hab keinen Bock Twitter zu checken. Beim Gedanken an die nächste Sitzung mit anderen Klimagruppen krieg ich Schweißausbrüche. Keine Ahnung, ob ich noch mal einen Raum bei dem alternativen Bildungsprojekt bekomm. Die Gedanken pendeln zwischen Wut, Trauer und einem Gefühl tiefer Ohnmacht. Ich schlaf grad nicht gut.

Diese Symptome kommen dir bekannt vor? Herzlichen Glückwunsch, du bist vermutlich Aktivist:in bei XR Deutschland. Als Klimaaktivist:in ist es nicht ungewöhnlich unangenehme Gefühle zu verspüren, immerhin beschäftigst du dich täglich mit dem 6. Massenaussterben und der Tatsache, dass deiner Regierung das ganze ziemlich egal zu sein scheint. Und genau wie die Klimaerhitzung sind diese Gefühle menschengemacht. Der Adressat dieser Gefühle sitzt in UK, und dass ich diese Gefühle empfinde hat damit zu tun, warum ich bei XR bin.

Bevor ich zu XR kam habe ich die Klimakrise und ihre Konsequenzen, mehr oder weniger erfolgreich, ausgeblendet. „Das wird schon irgendwie werden“, „okay, dann gibt’s halt keine Eisbären mehr, na und“, „dann ziehen wir halt die Deiche höher“. Das erfordert einiges an mentaler Gymnastik und hat auch nur semi-gut funktioniert. Aber ich habe es durchgehalten, weil die meisten anderen es auch machen und ich nie wirklich etwas anderes kennengelernt habe als das Leben in einem sicheren, wohlhabenden Land. Es ist doch noch immer gutgegangen. Das wird doch wohl so weitergehen… oder?

Ich krebste mich so durch und sobald ein alarmierender Bericht über schmelzende Gletscher oder Ernteausfälle auftaucht, guckte ich in die andere Richtung und zwang mich, das nicht zu Ende zu denken. Ein komisches Gefühl in der Magengegend bleibt. „Vielleicht sollte man was tun“. Aber was will ich als Einzelner, als Normalo, schon machen? Grüne wählen? Vielleicht eine Petition für die Fledermäuse unterschreiben? Es ist als würde man versuchen einen Vulkanausbruch mit einem Gartenschlauch zu löschen. Die eigenen Handlungsmöglichkeiten scheinen banal im Angesicht der Krise. Also bleibt nur eins, dieses nagende Gefühl von Zweifel und Verzweiflung tiefer herunterschlucken. Morgen sieht die Welt wieder anders aus. So funktioniert Verdrängung.

Und auf einmal stolper ich über einen Artikel. Ein Trupp schräger Hippies blockiert im November Brücken in London; sie fordern ihre Regierung zum Handeln auf. Einfach so am helllichten Tag. Mir ist fast die Kinnlade runtergefallen. Es wird gesungen. Eltern haben ihre Kinder mitgebracht. Leute die in ihrem Leben noch nicht mal im Supermarkt geklaut haben lassen sich wegtragen. Die Aktivist:innen scheinen von ihrem Erfolg fast genauso überrascht zu sein wie die Polizist:innen, die etwas ratlos um sie herum stehen. Politiker:innen hören ihnen zu. Die Presse flippt aus. Es ist bunt, es ist laut, es ist unglaublich.

Ach du scheiße. Da bewegt sich was. Das scheint zu funktionieren. Und hey, in meiner Stadt gibt’s die auch. Ich glaub ich geh mal zu 'nem Treffen…

So fing es an. Etwa ein Jahr nach Erscheinen dieses Artikels schau ich während der Arbeit in den Chat meiner Ortsgruppe. Wir haben unser erstes Swarming gemacht, also für einige Minuten den Verkehr an einigen Kreuzungen in der Innenstadt unterbrochen, um die Autofahrer:innen auf die Dringlichkeit der Krise hinzuweisen. Es gab gute Medienresonanz, wir haben unsere Botschaft rübergebracht. An unserem Teil der Ostseeküste reden die Leute an diesem Tag über die Klimakrise. Der Hitlergruß aus einem wartenden Auto? Macht tief betroffen. Die kaum verhohlenen Todesdrohungen in den FB-Kommentaren? Waren zu erwarten. Für uns zählt das Ergebnis. Die Rebell:innen sind etwas durchgefroren, aber alle sind sich einig: geile Aktion.

Es sind ein paar echt gute Tage. Und dann bekomme ich eine Nachricht. Ich lese nur Hallam und Holocaust und mir läuft es richtig eisig den Rücken runter. Was ist geschehen: Roger Hallam, einer der 15 Mitbegründer der Bewegung Extinction Rebellion und ein profiliertes Mitglied, bemüht nicht nur einen relativierenden Holocaustvergleich, nein er benutzt ihn ganz bewusst, weil er sich, so geht es aus einer Mail von ihm hervor, erhofft damit mediale Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken. Es ist der Moment in dem sich über dir der eben noch strahlend blaue Himmel mit schwarzen Wolken zuzieht und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es so richtig runterkommt.

Doch Herr Hallam hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Menschen in meiner Ortsgruppe, die Menschen, die überall auf der Welt für XR aktiv sind, sind entsetzt. Wir sind aktiv geworden, um einen Beitrag im globalen Kampf gegen die Untätigkeit im Angesicht der Klimakrise zu leisten. Wir sind aktiv geworden, um auch für jene aufzubegehren, deren Stimmen ignoriert werden, weil sie im globalen Süden leben. Wir sind nicht aktiv geworden, um krude und faktisch falsche Bemerkungen zum Holocaust mitzutragen. Oder zu Rassismus und Sexismus. Nein. Nein, Nein, Nein. Diese Äußerungen sind unerträglich. Sie bedrohen alles, was wir mühsam aufgebaut haben. Sie tun weh. Wie sehr müssen sie erst die Menschen jüdischen Glaubens schmerzen. Wir selbst empfinden ein Gefühl der Machtlosigkeit, ein Gefühl des Ausgeliefertseins – und wir sind richtig richtig sauer.

Wir, das sind tausende Menschen allein in Deutschland. Menschen jeden Geschlechts, jeden Alters, jeder und keiner Konfession, jeder sexuellen Orientierung, jeder sozialen Herkunft. Wir geben uns so viel Mühe in unserer Freizeit etwas auf die Beine zu stellen – Aktionen, Vorträge, Mobilisierung und Vernetzung mit anderen Gruppen. Helfen, die klimatische Bruchlandung, die wir hinlegen werden, vielleicht ein wenig abzumildern. Die Leute aufrütteln. Das tun, was wir als unsere Bürgerpflicht betrachten, weil es uns nicht egal ist wie unser aller Zukunft aussieht. 

Wir geben alles. Wir schlucken die Beleidigungen auf der Straße und in den sozialen Medien. Wir lassen uns als Sekte verunglimpfen, als Öko-Terrorist:innen, gekaufte Protestler:innen, Klima-Hysteriker:innen oder Querfront. Wir versuchen darauf so gut wir es können mit gewaltfreier Kommunikation zu reagieren. Wir fressen Scheiße. Aber wir tun es aus Überzeugung und weil es das einzige ist, was jetzt noch Sinn ergibt. Und dann, wenn es sich grad beginnt einzugrooven, läuft Roger Hallam in der Presse Amok und wir dürfen die Scherben hinter ihm aufkehren. Müssen wieder erklären, dass wir keine Sympathien für rechtes Gedankengut haben. Müssen mit der Frustration und Hilflosigkeit leben. Dafür sind wir nicht zu XR gekommen. Basta!

Dieser Mensch spricht nicht für uns. Er sagt uns nicht was wir zu tun haben. Niemand tut das. Nicht jetzt, nicht irgendwann. Dies ist das Ende unserer Beziehung zu Roger Hallam. 

Wir machen weiter unser eigenes Ding. Wir werden auf dem Weg Fehler machen. Aber wenn wir in Zukunft um Entschuldigung bitten müssen, dann doch zumindest für die Sachen, die wir selber verbockt haben. Wir Rebell:innen gehen nicht mehr zurück. Es gibt nichts wo wir hingehen könnten. Während sich unsere Welt mit jedem Tag ein kleines bisschen mehr erwärmt, bleiben wir unseren Prinzipien treu. Seite an Seite mit allen, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Solidarisch miteinander und auch mit jenen, die andere Methoden einsetzen als wir, um für Klimagerechtigkeit zu kämpfen. Wir beschreiten unbeirrt den Weg des gewaltfreien zivilen Ungehorsams und wir werden ihn bis zum Ende gehen. Das sind wir uns schuldig.

Tags: #MeetTheRebels, #XRLeiseStimmen

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Kommentare

  1. Nette Rethorik, darunter Opferpose als Täter.
    Opfer-Täterumkehr ist widerlich. Statt sich mit systematischer Holocaustrelativierung und anderen systemischen Problemen innerhalb XR außeinanderzusetzten versucht dieser Artikel Solidarität durch Emotionalität eines verletzten TäterIn* zu erzeugen.

    Leicht unglaubwürdig ist der Erzählung die suggiert das mensch von EndeGelände und hambibleibt, die im Oktober-November sehr große mediale Aufmerksamkeit bekamen nichts mitbekommen hat, die Proteste von XR in London im November dann aber schon. Kann schon stimmen, aber sehr unglaubwürdig.

    Kritik abseits der Holocaustrelativierung wird als "verunklimpfen" reduziert.
    Auch das ist systematisch für XR. Es besteht keine ehrliche Außeinandersetzung mit Kritik.

    Aber wenn wir in Zukunft um Entschuldigung bitten müssen, dann doch zumindest für die Sachen, die wir selber verbockt haben.

    boa. XR wurde so oft darauf hingewießen. Es hat einen shitstorm gebraucht damit ihr gehandelt habt. Wenn innerhalb eurere Strukturen scheiße passiert, ist es in eurer Verantwortung dagegen was zu tun. Das habt ihr nicht.
    Immer noch nicht! Selbst eurer Pressesprecher Tino Pfaff, betreibt nach dem shitsstorm holocaustrelativierung

  2. Wer meinen würde, der Pranger sei abgeschafft, irrt anscheinend. Spaß beiseite: Liebe Lea, wenn ich Dich richtig verstanden habe, wolltes Du Dich eigentlich bei Max bedanken, dafür dass er Zeit, Geld und einen Großteil seiner Kraft dazu verwendet, zusammen mit anderen Menschen nichts weniger, als unsere Welt zu retten. Und dass er darüber hinaus noch Zeit dafür verwendet, Menschen wie Dir, Pauline, Gerdchen77, Clausi, Micha1987, Der Vollstrecker, mömö4, Roger Hallam und vielen anderen zuzuhören (zu antworten), mit deren Ängsten und Auffassungen von der Welt er nun wirklich rein gar nichts zu tun hat, aber die ihn für alles Mögliche verantwortlich machen, ihn beschimpfen, beschuldigen, beim nächsten Swarming überfahren oder einfach nur "besuchen" wollen. Vielleicht findest Du das jetzt blöd, mit all denen in einer Reihe zu stehen, aber das ist nun mal der Alltag all derjenigen, die sich zum Wohle aller gerade machen und mit Namen und Gesicht engagieren. Das kann trotzdem Spaß machen und in punkto Selbstwirksamkeit sehr erfüllend sein. Vielleicht möchtest Du ja diese Erfahrung mit uns teilen? Wie Du weißt, sind wir (allerdings in gewissen Grenzen) tolerant gegenüber anderen Meinungen, Religionen und Ideologien. Wir würden uns freuen, Dich wiederzusehen. Du weißt, wo Du uns findest 😉

  3. Respekt! ❤️
    We are unstoppable another world is possible.

  4. Vielen Dank Max!!! Für einen Text, der das leistet, was viele schon vergessen zu haben scheinen: Nämlich die Menschlichkeit wieder in den Fokus zu setzen. Danke dafür das du und alle anderen Akteure - damit meine ich nicht nur XR, sondern auch Ende Gelände, die For-Future-Bewegungen und andere Organisationen, die sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen - versuchst die Welt zu einen besseren Ort zu machen.

    Liebe Leajakane,

    ich bin absolut schockiert, wie viel Wut aus deiner Nachricht spricht. Es tut mir leid, dass du diese Gefühle aushalten musst. Du wirfst Max eine Emotionalisierung vor, bedienst dich aber der gleichen Mittel: Während Max sich demaskiert und eine positive Emotionalität erzeugt, bedienst du dich des Mechanismus der Schuldzuweisung und schürst Wut und somit eine negative Emotionalität. Ich halte Max Worte für authentisch, darum ist mir die positive Variante lieber.

    Weiterhin lebst du - auf der Grundlage deiner Täter-Opfer-Logik - in einer Welt voller Täter. Wenn die Aussage eines Menschen, der in einem anderen Staat lebt und von dem Max sich klar distanziert, ihn zum Täter macht, welche Chance hat mensch dann noch unbescholten zu sein? Vielleicht hast du in diesem Punkt anders Recht als du zu glauben scheinst: Vielleicht sind wir alles Täter, aber dann sind wir gleichsam auch alles Opfer. Das suggeriert das die Zweiwertigkeit dieser Logik in unserer diversen Welt viel zu unterkomplex ist.

    Ich wünsche Dir, dass du das Vertrauen in die Menschheit irgendwann wieder findest. Denn in einem System, wo wir immer Schuldige identifizieren und mit dem Finger auf sie zeigen, wird wohl niemand von uns wahrhaft glücklich sein.

    Lieben Gruß

  5. wolltes Du Dich eigentlich bei Max bedanken, dafür dass er Zeit, Geld und einen Großteil seiner Kraft dazu verwendet, zusammen mit anderen Menschen nichts weniger, als unsere Welt zu retten.

    nein das möchte ich nicht. ich bin der auffassung das die welt eine bessere wäre ohne xr, Antworten wie die deine bestärken mich in dieser Annahme. Statt sich mit der von mit benannten Kritik außeinander zusetzten, wird sich

    1. darüber lustig gemacht
    2. die Kritik delegitimiert, mit der Begründung dass XR und Max so toll sei
    3. suggeriert, dass die überpriviligierten weißen cis menschen bei XR, diejenigen seien die am meisten Unterdrückungsmechanismen erfahren und deswegen einen besonderen Schutzstatus haben sollten

    Vielleicht möchtest Du ja diese Erfahrung mit uns teilen?

    Ich bin seit Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Thema hier ist aber nicht meine persönlichen Erfahrungen, sondern eine ganz konkrete Kritik die ich vormulierte.

    Warum delegitimierst du meine Kritik?
    Warum setzt du dich nicht mit dieser Kritik außeinander?

  6. @user58

    Während Max sich demaskiert und eine positive Emotionalität erzeugt, bedienst du dich des Mechanismus der Schuldzuweisung

    Ich fühle mich von deinem logischen bias "double standart" verarscht. Du delegitimierst eine Kritik, indem du eine persönliche Kritik vormulierst die besagt es sollte keine persönliche Kritik gegen. Logisch macht dies keinen Sinn. Ideologisch schon. Mag ich dann aber eben nicht.
    Ebenfalls hat die von mir formulierte Kritik zum Inhalt gehabt dass Max, Kritik durch projezierte Schuldzuweißungen delegitimiert. Diese Schudzuweißung definierst du als positiv, während du die Kritik daran als negativ beschreibst. Du hast eine Agenda bei der dir jedes rethorische Mittel recht ist, diese zu verteidigen, vollkommen unabhängig von Logik.

    Wenn die Aussage eines Menschen, der in einem anderen Staat lebt und von dem Max sich klar distanziert, ihn zum Täter macht,

    Max hat sich nach dem shitstorm distanziert. Nicht davor. Davor gab es bereits mehrfach Hinweiße darauf das XR sich holocaustrelativierung als Outreachstrategie bedient. Vllt. war Max das nicht bewusst, der Organisation der Max angehört war dies aber sehr wohl bewusst, auch vielen Menschen die innerhalb XR aktiv sind. Mit vollem Bewusstsein wurde dies monatelang unterstützt. Max versucht in dem Text darzustellen wie betroffen ihn die Kritik macht, schweigt aber dazu wie es weiterhin eine systematische Holocaustrelativierung innerhalb von XR gibt. In meiner kurzen kritik habe ich darauf hingewiesen. Du ignorierst dies komplett.
    Systematische Holocaustrelativierung ist ein Problem. Wenn Menschen dich persönlich angegriffen fühlen, und sich sorgen um ihre Gefühle, weil sie teil einer Organisation sind in der systematische Holocaustrelativierung betrieben wird, mach das nicht zum Problem derjenigen die euch darauf Hinweißen. Das ist euer scheiß Problem. Findet Wege damit umzugehen und es zu überwinden. Aber lasst den selbstmittleitsscheiß, wenn euch Leute kritisieren.

  7. Liebe:r @leajakane,

    Ich bin zwar nicht Max, aber ich kenne ihn so gut, dass ich glaube, das ein oder andere richtig einschätzen zu können.

    Es tut mir weh, soviel Hass aus Deinen Nachrichten zu lesen, dass noch nicht mal Zeit bleibt für ein Hallo oder andere Zwischenmenschlichkeiten. Es tut mir besonders deshalb weh, weil ich eine ähnliche Phase auch schon hatte, wo mir einfach nichts recht sein konnte. Obwohl rein rational-theoretisch meine Ansichten auch nachträglich inhaltlich nicht verkehrt waren, konnte ich damals nicht würdigen, dass Menschen nun mal unperfekt sind; und dass das gut so ist -- das ist, was uns Menschen lebendig macht und faschistoide Fantasien einer "perfekten" (wer entscheidet das eigentlich?) Welt ad absurdum führt. Inzwischen weiß ich, dass ich vielen Menschen weh getan hab mit dem beharren darauf "Recht" zu haben. Und ich weiß, dass die Beharrlichkeit viel mit Mangel an Liebe und zu wenig gehört/ ernst genommen worden zu sein zu tun hat. Gleichzeitig weiß ich auch, dass es superwichtig und richtig ist, bei manchen Dingen (antisemitische Scheiße gehört dazu) einfach nicht locker zu lassen, nie müde zu werden. Ich weiß noch immer nicht, was der "richtige" Mittelweg ist, der beides vereint. Hasserfüllte Unterstellung jedenfalls halte ich in keinem Fall für eine legitime Lösung, egal von wem er kommt.

    Ich möchte nicht weiter den Anschein bei Dir erwecken, mir ginge es um eine weitere Delegitimierung Deiner Kritik. Du wirst schon selbst am besten wissen, welche Punkte angemessene Reaktionen waren und wo Du über das Ziel einer sachlichen Kritik hinausgeschossen bist und z.B. selbst doppelt Maß angelegt hast. Jedenfalls danke ich Dir für Deine kritische Haltung. Lass sie Dir nicht nehmen.

    versucht dieser Artikel Solidarität durch Emotionalität eines verletzten TäterIn* zu erzeugen.

    Ich lese das als eine Unterstellung, deren Grundlage ich nicht im Text wiederfinde. Kannst Du Deine Kritik an Textstellen belegen? Kennst Du Max, dass Du seine Intentionen weißt?

    Opferpose als Täter.

    Woran erkennst Du die von Dir gelesene "Opferpose"? Ich lese in dem Text klare Distanzierung sogar von Roger Hallam als Mensch und zusätzlich von seinem antisemitischen, die Shoa relativierenden und obendrein instrumentalisierenden Verhalten.

    Opfer-Täterumkehr ist widerlich.

    Ja, sehe ich auch so. Nur: Woran erkennst Du diese in dem Text von Max? Oder worauf Beziehst Du Dich sonst in Deinem Vorwurf an Max?

    Statt sich mit systematischer Holocaustrelativierung und anderen systemischen Problemen innerhalb XR außeinanderzusetzten

    Vielleicht bin ich nach ca. 10 Jahren, in denen ich nicht selten antifaschistisch gearbeitet habe, noch immer zu naiv (keine Ironie, wie oben gesagt -> bin nicht perfekt), sag mir doch bitte, wie Du Deine zitierten Zeilen mit diesem Blogpost zusammenbringst (Rebecca und Tino von XR ziehen ihr Fazit, nach einem Gespräch mit Holocaustforscher Jürgen Manemann). Zusätzlich zu diesem öffentlich einsehbaren Artikel ist mein Eindruck, dass trotz voranschreitender Klimakriese (sehr aktuell ) XR DE gefühlt seit nunmehr 1,5 Wochen nichts anderes mehr macht als sich konstruktiv mit allem auseinander zu setzten, was um die beiden Interviews von Roger Hallam herum getan hat. Dazu gehört unter anderem die XR-Texte, die wir als ultraschnell wachsende Bewegung teils von XR UK übernommen und bloß übersetzt haben, einer kritischen Analyse zu unterziehen, wie ideologisch gebaised diese sind.

    Ja, es ist richtig, dass Roger sich schon mehrfach (gelinde gesagt) im Ton vergriffen hat. Es gab dazu meines Wissens nach jedes Mal aufklärende Gespräche. Bis zu diesen Interviews kenne ich jedoch keine Texte oder Zitate, die dermaßen unausstehlich sind wie besagte zwei Interviews. Dennoch hätte ich mir schon im Sommer eine klarere Distanzierung bzw. Benennung gewünscht. Ich war und bin ich immer wieder schlicht überfordert, die richtigen Prioritäten in all der Alarmiertheit und dem Wissen zu setzten, dass wir wirklich nur noch maximal wenige Jahre wenn nicht Monate haben, v.a. im priviligierten Deutschland, die Entscheidungsträger:innen vom radikalen Umlenken zu überzeugen, um wenigstens das Allerschlimmst noch abzuwenden. Auch ich hätte damals mich gegen Vorbereitungen der Berlinblockaden zu Gunten von Projektarbeit für besagte Distanzierungen einsetzten können. Ich verzweifle auch jetzt wieder bei den Gedanken, dass möglicherweise schon jetzt der allgemeine Druck so hoch ist, dass wir schon jetzt, womöglich noch angeheizt durch diese beschissenen Interviews und unreflektierte Einstellung von Roger Hallam, mitten in vorhersagbarer Gesellschaftsspaltung drin sind.

    Leicht unglaubwürdig ist der Erzählung die suggiert das mensch von EndeGelände und hambibleibt, die im Oktober-November sehr große mediale Aufmerksamkeit bekamen nichts mitbekommen hat, die Proteste von XR in London im November dann aber schon. Kann schon stimmen, aber sehr unglaubwürdig.

    Soweit ich Max kenne, halte ich das tatsächlich für sehr glaubwürdig. Ohne mit dem Weiteren Max zu nahe treten zu wollen: Wir sind eben alle in einer naiven, verwöhnten heile-Welt-Blase aufgewachsen; je privilegierter desto mehr so. Ich glaube aber noch eine andere Note aus Deinen Zeilen zu lesen, nämlich eine Abwägung, was die "bessere Bewegung" sei. Ist dieser spaltende Vergleich zwischen Klimagerechtigkeitsbewegungen wirklich mehr wert als das gemeinsame Ziel zu verfolgen? Ich erkenne in dem Potential von XR, bis in die Mitte hinein eben auch diese privilegierten "Schichten" anzusprechen und von der Notwendigkeit des radikalen Wandels zu überzeugen eine Riesenchance für die gesamte Klimagerechtigkeitsbewegung. Seit ich bei XR bin (Frühjahr '18) hat sich XR schon viel gewandelt und ist für meine Begriffe enorm geistreich mit diversester Kritik lernend umgegangen. Ich komme wieder drauf zurück: Wie kein Mensch so ist XR auch nicht perfekt. Schlicht aus dem Grund, weil es wie in lebendiger, dynamischer Organismus ist, der in einer dynamischen Welt "lebt". Damit möchte ich keine Fehler relativieren; ich möchte aber doch für Verhältnismäßigkeit werben.

    Kritik abseits der Holocaustrelativierung wird als "verunklimpfen" reduziert.
    Auch das ist systematisch für XR. Es besteht keine ehrliche Außeinandersetzung mit Kritik.

    Erstens erlebe ich das anders (bin offen für Gegenbeispiele, ich freue mich letztlich immer über Kritik, je mehr umso differenzierter und "belegter" sie ist). Es gibt Menschen, die vor der einprassendeln Hetzte (in der Summe kann ich das phasenweise tatsächlich auch nicht anders empfinden) resignieren/ überfordert sein und in Verteidigungsreflex verfallen (psychologisch völlig menschlich). Ich erlebt "im Innern von XR" jedoch viele, die trotz all der Einseitigkeit am "lernenden Vorwärts" konstruktiv weiterarbeiten. Zweitens lese ich diese Deine Sätze als Vorwurf an Max für etwas, was er gar nicht in der Hand hat und noch nicht mal gesagt hat. Es tut mir Leid für Dich, wenn Du selbst diese geäußerte Erfahrung an anderer Stelle mit anderen Rebell:innen machen musstest und es tut mir Leid, dass bei Dir dieser Eindruck mangelnder Ehrlichkeit im Umgang mit Kritik entstanden ist.

    Aber wenn wir in Zukunft um Entschuldigung bitten müssen, dann doch zumindest für die Sachen, die wir selber verbockt haben.

    boa. XR wurde so oft darauf hingewießen. Es hat einen shitstorm gebraucht damit ihr gehandelt habt. Wenn innerhalb eurere Strukturen scheiße passiert, ist es in eurer Verantwortung dagegen was zu tun.

    Aus diesen Zeilen lese ich weiteren großen Ärger, den ich (mangels Wissen um deine konkrete Erfahrung) nicht nachvollziehen kann. Es klingt fast so, als würdest Du einen Shitstorm rechtfertigen wollen, was ich jedoch als rhetorische Überspitzung interpretiere (bis ich etwas anderes weiß). "XR wurde hingewiesen" möglicherweise, aber warum gehts Du davon aus, dass bei inzwischen über 10'000 Rebell:innen jede:r immer von aller Kritik weiß? Du unterstellst Max Untätigkeit für etwas, das er weder getan noch hat wissen müssen (theoretisch können, ja, aber ist das schon genug für einen solchen Angriff?). Dazu kommt, dass vieles, was von anderen in den letzten Monaten als Kritik bezeichnet wurde, im Endeffekt salopp gesagt so etwas war wie: "Ich begnadige XR erst, wenn XR genau das sagt, was ich für richtig halte." Ich halte es zwar nicht für richtig, aber gleichzeitig menschlich gut verständlich, wenn bei der Intensivität aus Selbstschutz Vorurteile (im Wortsinn) und Reflexhandlungen stattfinden. Das ist alles keine Entschuldigung, sondern ein Einordnungsversuch und wieder ein Werben für Verhältnismäßigkeit.

    Immer noch nicht! Selbst eurer Pressesprecher Tino Pfaff, betreibt nach dem shitsstorm holocaustrelativierung
    leajakane

    Kannst Du diesen starken Vorwurf belegen bitte? Immerhin geht das in die Nähe einer (zurecht) Straftat.

    Liebe:r @leajakane, ich möchte mit einer Frage schließen: Kann Kritik absolut sein? (oder implizierend, denn es entspricht meiner Überzeugung) Muss Kritik nicht immer in der Realität der Person ansetzten, deren Verhalten kritisiert werden soll; zumindest dann, wenn sie etwas bewirken soll? Geht es bei Kritik nicht darum, sich letztlich gegenseitig zu verstehen?

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